Was ist ein visuelles Tagebuch? Kein Kunstwerk, sondern ein Spiegel deiner Seele

„Darf ich?“
Meine Freundin zeigt auf mein lachsfarbenes Tagebuch. „Gerne“, antworte ich. Sie nimmt es vom Tisch und beginnt zu blättern. Seite für Seite. Das Papier raschelt ein bisschen, weil es so dick ist. Ihr Finger bleibt an einem roten, plüschigen Monster hängen, das auf dem Beifahrersitz eines VW-Busses sitzt. Ich muss lächeln. „Das ist mein Innenleben.“
Genau das ist mein visuelles Tagebuch. Ein Notizbuch, in dem ich mein Leben festhalte, mit kleinen Zeichnungen und ein paar Worten. Und vor allem zeichne ich dort, was ich manchmal nicht in Worte fassen kann.
In diesem Buch wohnt mein Mini-Me, eine kleine Figur, die aussieht, fühlt und lebt wie ich. Daneben all meine kleinen Monsterchen, meine Ängste, die schönen und die nicht so schönen Erlebnisse, meine To-want-Listen und alles, was mich inspiriert.
Ich zeige dir hier, was ein visuelles Tagebuch für mich ist und was nicht, wie ich zu meinem kam, warum es deiner Seele guttut (mit Studien, nicht nur mit Bauchgefühl), welches Material du brauchst und wie du heute startest. Auch wenn du gerade denkst: „Ich kann doch gar nicht zeichnen.“
Das Wichtigste in Kürze |
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Inhaltsverzeichnis
Was ist ein visuelles Tagebuch?
Ein visuelles Tagebuch ist ein Tagebuch, in dem du dein Leben in Bildern festhältst. Statt nur zu schreiben, zeichnest du: deinen Tag, ein Gefühl, eine Begegnung, etwas, das du gelernt hast. Oft kommen ein paar Worte dazu, ein Gedankenfetzen, eine Sprechblase. Andere nennen es illustriertes Tagebuch, gezeichnetes Tagebuch oder Visual Journal. Gemeint ist im Kern dasselbe: Du dokumentierst dein Leben mit dem Stift statt mit der Kamera.
Und wenn du mich fragst:
Es ist dein visuelles Tagebuch und es ist viel mehr als ein Skizzenbuch. Es ist ein Spiegel deiner Seele. Jede Linie erzählt, wie du fühlst, denkst und wächst.

Was ist ein visuelles Tagebuch nicht?
Ein visuelles Tagebuch ist kein Kunstwerk und kein Bastelbuch. Es muss nicht schön sein, es muss ehrlich sein.
Wenn ich „visuelles Tagebuch“ google, sehe ich oft wunderschöne Seiten mit Washi-Tape, ausgeschnittenen Papieren, Stickern und Collagen. Das darf alles sein. Mein Tagebuch sieht anders aus. Ich zeichne mit Finelinern und Künstlertusche, und in diesem Buch ausschließlich in meiner geliebten Braun-Beige-Palette. Übrigens wollte ich meinen Adventskalender erst „Mein erstes künstlerisches Tagebuch“ nennen. Hab ich dann gelassen. Künstlerisch klingt gleich wieder riesig, nach Kunst eben. Und genau das schreckt ab.
Visuelles Tagebuch, Sketchnotes, Doodlen oder Art Journal: Was ist der Unterschied?
Ein visuelles Tagebuch hält dein Leben fest, Sketchnotes halten Wissen fest, Doodles entstehen nebenbei und ein Art Journal ist vor allem ein Spielplatz für Farbe und Material.
Visuelles Tagebuch | Sketchnotes | Doodlen | Art Journal | |
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Worum geht es? | dein Leben, deine Gefühle, dein Alltag | Wissen verstehen und merken | Kritzeln nebenbei | Gestalten, Experimentieren |
Wann? | wenn etwas passiert ist, dich bewegt oder beschäftigt | im Vortrag, Kurs, beim Lernen | beim Telefonieren, Zuhören, Warten | wenn du Lust auf Farbe hast |
Typische Elemente | Figuren, Szenen, Datum, kurze Texte | Icons, Pfeile, Rahmen, Schlagworte | Muster, Formen, Linien | Collage, Farbe, Schrift, Mixed Media |
Plan vorher? | ein bisschen (Was zeichne ich? Wie fühle ich mich?) | Struktur entsteht beim Zuhören | keiner | oft keiner |
Bei mir | mein lachsfarbenes Buch mit Mini-Mes | meine Prüfungsvorbereitung | selten |
Die Grenzen sind fließend. In meinem visuellen Tagebuch landen auch Sketchnotes, und mit Sketchnotes hat bei mir alles angefangen.
Wie bin ich zu meinem visuellen Tagebuch gekommen?
Mein visuelles Tagebuch ist aus meinen Morgenseiten gewachsen, weil mir das Schreiben allein irgendwann nicht gereicht hat.
Angefangen hat alles mit dem Buch „Der Weg des Künstlers“ von Julia Cameron. Darin geht es um die Morgenseiten, drei Seiten, die du jeden Morgen von Hand schreibst, und um den Künstlertreff, ein festes Date mit dir selbst. Was dieses Buch mit mir gemacht hat, liest du in meinem Artikel Der Weg des Künstlers und meine Mini-Mes.
Fast zeitgleich startete ich mein 5-Uhr-Club-Experiment nach Robin Sharma. Seine 20/20/20-Formel: 20 Minuten bewegen, 20 Minuten reflektieren, 20 Minuten lernen. Jahre vorher hatte ich schon „Miracle Morning“ von Hal Elrod gelesen. Und ich dachte mir: Wenn ich schon so früh aufstehe, dann will ich in dieser Zeit etwas Neues lernen. Und was passt besser zum Schreiben als das Zeichnen?

Das Buch, das zwei Jahre zu kostbar war
Meine ersten Morgenseiten schrieb ich in ein „My Journal“ von Rössler Papier*. Meine Freundin Andrea hatte es mir 2022 zum Geburtstag geschenkt. Auf dem Vorsatzblatt steht, dass es „in der Rössler-Manufaktur in liebevoller Handarbeit hergestellt“ wurde. Und genau so fühlte es sich an. So schön, dass ich mich nicht getraut habe, hineinzuschreiben.
Zwei Jahre lag es da. Unberührt.
Erst am 17. Juni 2024 habe ich die erste Seite beschrieben.
Im Buch lagen zwei Vordrucke in A5. Auf dem einen einfache Sketchnote-Figuren, auf dem anderen Wochentage und Buchstaben. Ich habe sie mir angeschaut, immer wieder. Dann habe ich „Sketchnotes lernen“ gegoogelt.

Drei Kurse und ich war angefixt
Bei Domestika, einer Plattform, die ich eh schon nutzte, fand ich den Kurs Sketchnoting: Verstehen und Kommunizieren mit visuellen Notizen von Eva-Lotta Lamm. Ich war wie angefixt. Es folgten Illustriertes Tagebuch: Tägliche bewusste Übung von der Illustratorin Kate Sutton und Kreatives visuelles Tagebuch: Zeichne dein Leben von der Illustratorin und Cartoonistin Pepita Sandwich. Neben meinen geschriebenen Zeilen tauchten immer häufiger kleine Strichmännchen auf. Nur hatten meine Tagebücher entweder linierte oder karierte Seiten. Ich brauchte sowieso ein neues. Also bin ich los.
Ein lachsfarbenes Buch aus dem TK Maxx
Gefunden habe ich es im TK Maxx in Leipzig: ein Blanko-Notizbuch mit dickeren Seiten, schlicht, in einem zarten Lachston. Die dicken Seiten waren mir wichtig, weil ich schon mit Tuschemarkern gearbeitet habe und nichts durchdrücken sollte. Erst jetzt, beim Schreiben dieses Artikels, fällt mir auf: Es ist von Art Creation*. Von der Firma, von der ich auch meine Acrylfarben beziehe. :-) Die erste Zeichnung darin ist vom 7. September 2025.
Und heute?
Heute zeichne ich mittendrin.
Den 5-Uhr-Club bekomme ich gerade nicht hin. Ich habe es nicht geschafft, rechtzeitig ins Bett zu gehen, und mein Schlaf hat sehr gelitten. Einen festen Zeitpunkt gibt es deshalb gerade nicht. Ich zeichne, wenn ich etwas sehe, wenn ich etwas Neues gelernt habe, mein typisches „About the Day“, Szenen für meinen Blog, meinen Newsletter und meinen Adventskalender. Alltagssituationen, die ich festhalten möchte. Oder meine Gefühle.
Wie lange ich daran sitze? Ganz unterschiedlich. An meiner kreativen Bingokarte saß ich ewig. Das Zeichnen ist das Schnellste daran.
Die meiste Zeit verbringe ich mit Nachdenken: Was zeichne ich? Aus welcher Perspektive? Wie ist mein Gesichtsausdruck? Was fühle ich gerade? Dann geht es los mit geometrischen Formen, dann die finale Fineliner-Linie, dann das meditative Ausmalen, Strich für Strich. Zum Schluss suche ich einen passenden Text, einen Gedankenfetzen.

Warum tut ein visuelles Tagebuch der Seele gut?
Ein visuelles Tagebuch gibt deinen Gefühlen eine Gestalt. Und was eine Gestalt hat, kannst du anschauen, statt es nur im Kopf kreisen zu lassen.
Wenn das Jahr andere Pläne hat
Für 2025 hatte ich so schöne Pläne. Es sollte leicht sein, erfolgreich, einfach schön. Doch es hatte andere Pläne.
In meinem Tagebuch gibt es eine Seite, auf der ich genau dieses Gefühl festgehalten habe: rausgeworfen zu werden aus der eigenen Komfortzone. Ich hätte es nicht so gut aufschreiben können.

Mein Monsterchen auf dem Beifahrersitz
Ich habe Angst vorm Autofahren. In meinem Tagebuch ist diese Angst ein plüschiges Monsterchen. Rot. Ziemlich groß. Und es versucht, mich zum Fahren zu zwingen.
Ich habe es gezeichnet, weil es immer größer zu werden schien.
Auf der ersten Zeichnung: unser Dicker, der T5, das Monster und ich. Das Monster zieht an mir, es will mich ins Auto zerren. Daneben habe ich eine zweite Szene gezeichnet. Ich sitze hinter dem Steuer. Das Monsterchen sitzt auf dem Beifahrersitz.
Und siehe da. So groß war es gar nicht mehr.
An dem wichtigen Tag, als ich zu einem kreativen Event fahren musste, habe ich mir diese Szene immer wieder vorgestellt. Das Monsterchen saß in meinem Kopf neben mir und schaute mit großen Augen aus dem Fenster. Und ich? Ich habe den Dicken ganz ruhig und vollkommen bei mir zum Event kutschiert.
Tage später erzählte ich das meiner Freundin Susan, die systemisch arbeitet. Sie sagte: Genau das ist ein Teil der Arbeit. Hinsehen, wahrnehmen und der Angst einen neuen Platz geben, statt sie unterdrücken zu wollen.

Wie Zeichnen mir sonst noch durch Ängste hilft, liest du in Zeichnen gegen die Angst und in meinem Artikel über die Gefühle hinter Zielen, wo mein Mini-Me mit einem pinken Angstmonster Tauziehen spielt.
Was ist Externalisierung? |
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Externalisierung ist eine Methode aus der narrativen Therapie, die zur systemischen Familie gehört. Entwickelt haben sie Michael White und David Epston. Das Problem wird von der Person getrennt und bekommt eine eigene Gestalt, einen Namen, einen Platz. Ihr Leitsatz: „Die Person ist nicht das Problem, das Problem ist das Problem.“ Und jetzt halt dich fest: Ihr Buch heißt auf Deutsch „Die Zähmung der Monster“. |
Was sagt die Forschung?
Zeichnen kann nachweislich Stress senken und die Stimmung heben. Aber nicht jedes Zeichnen wirkt gleich, und das finde ich das Spannendste daran.
Stress sinkt, egal wie gut du zeichnest.
In einer Studie der Drexel University waren 39 Erwachsene 45 Minuten kreativ, mit Markern, Ton oder Collage. Danach war das Stresshormon Cortisol bei 30 von ihnen gesunken. Ob jemand Erfahrung mit Kunst hatte, spielte keine Rolle. Ehrlich dazugesagt: Die Gruppe war klein und es gab keine Vergleichsgruppe. (Kaimal, Ray & Muniz, 2016)
Ablenken oder ausdrücken?
Die Psychologin Jennifer Drake ließ Studierende an ihr traurigstes Erlebnis denken. Danach zeichnete die eine Hälfte genau dieses Erlebnis, die andere Hälfte ihre Schuhe. 15 Minuten, vier Tage lang. Kurzfristig hob das Zeichnen der Schuhe die Stimmung stärker. (Psychology Today über Drake, 2016)
Für mich heißt das: Beides hat seinen Platz. An Tagen, an denen es akut wehtut, darf es einfach die Kaffeetasse sein, die vor mir steht. Wenn ich etwas verarbeiten will, so wie mein Monsterchen, schaue ich hin.
Warum die Worte dazugehören.
Forschende der UCLA haben gezeigt: Wer ein Gefühl in Worte fasst, beruhigt messbar die Amygdala, die Alarmzentrale im Gehirn. (Lieberman u. a., 2007) Deshalb steht neben meinen Zeichnungen fast immer ein kleiner Gedankenfetzen.
Warum Zeichnen mich heilt, habe ich auch in Comics für die Seele aufgeschrieben.
Und weil ich Heilpraktikerin für Psychotherapie bin, sage ich es dir ganz klar: Ein visuelles Tagebuch ist ein wunderbares Werkzeug für deine Selbstfürsorge. Eine Therapie ersetzt es nicht.
Dir gefällt, was du hier liest?
Dann komm in meinen Newsletter. Jeden Donnerstag schreibe ich über Kreativität, mentale Gesundheit und das echte Leben dazwischen. Damit du donnerstags kurz durchatmest.
Hilft Zeichnen beim Lernen?
Ja. Zeichnen hilft dir, dir Dinge zu merken, und das habe ich am eigenen Leib erlebt.
Für meine Überprüfung zur Heilpraktikerin für Psychotherapie habe ich psychische Störungen gezeichnet. Ich habe mich zeichnerisch mit dem Stoff beschäftigt. Besonders beim Thema Substanzen: Bei welcher Droge sind die Pupillen groß, bei welcher klein?
In der mündlichen Überprüfung hatte ich genau diese Zeichnungen im Kopf.
Die Forschung gibt mir recht. An der University of Waterloo wurden gezeichnete Begriffe oft über doppelt so häufig erinnert wie geschriebene. Das klappte schon mit 4 Sekunden Zeichenzeit. Und wie schön die Zeichnung war, spielte keine Rolle. (Wammes, Meade & Fernandes, 2016)
Sogar Kritzeln hilft. Wer beim Zuhören nebenbei Formen ausmalte, erinnerte sich in einem Experiment an rund 29 % der Informationen zusätzlich. (Andrade, 2010)
Wenn du Lust auf meine Lernthemen hast: Einen Überblick findest du in Psychische Erkrankungen und Störungen.
Welche Formen von visuellen Tagebüchern gibt es?
Es gibt kein Richtig und kein Falsch. Diese Formen nutze ich selbst:
Ein Erlebnis pro Seite: Eine Szene, ein Gefühl, viel Weißraum. Gut für ein Gefühl, das Raum braucht.
Mehrere Erlebnisse auf einer Seite: Kleine Szenen nebeneinander, fast wie ein Comic. So passen mehrere Momente auf eine Seite.
About the Day: Mein Tag in ein paar Bildern und Worten.
12 von 12: Am 12. jedes Monats halte ich zwölf Momente fest. Manche davon landen gezeichnet im Tagebuch, wie in meinem 12 von 12 im Oktober 2026.
Sketchnotes zum Lernen: Wissen aus Kursen, Büchern oder für eine Prüfung.
Listen und Visionen: Meine To-want-Listen, Jahresziele, ein gezeichnetes Visionboard.
Wie baue ich eine Seite auf?
Bevor ich den Stift ansetze, überlege ich: Was zeichne ich? Aus welcher Perspektive? Wie ist mein Gesichtsausdruck? Dann zeichne ich mit Bleistift aus geometrischen Formen vor, ziehe die Linien mit Fineliner nach und male Strich für Strich aus. Die Schrift kommt zum Schluss.
Für die Schrift nehme ich ein kleines Lineal, damit die Zeile gerade bleibt. Gedanken bekommen eine Gedankenblase, Gesagtes eine Sprechblase.

Welches Material brauche ich für ein visuelles Tagebuch?
Für den Start brauchst du nur Papier und einen Stift. Alles andere ist Kür.
Meine Starter-Liste für kleines Budget
Papier: Jedes Blatt geht zum Üben, auch Kopierpapier. Oder ein Blanko-Heft. Ich habe in karierten und linierten Büchern angefangen.
Bleistift und Radiergummi
Ein schwarzer Fineliner
1 bis 3 Filzstifte in deinen Lieblingsfarben
Selbst mit Kugelschreiber funktioniert es.
Was auf meinem Tisch liegt*
Genau diese Liste habe ich auch meinen Teilnehmerinnen empfohlen, als sie nach dem Workshop direkt zu Boesner gefahren sind.
Bleistift HB: am liebsten ein Druckbleistift mit 0,7er Mine. Ich zeichne IMMER vor.
Ein guter Radiergummi: nicht der, der hinten am Bleistift steckt.
Fineliner: meist in Stärke 0,05, weil mein Tagebuch nur A5 ist. 0,1 bis 0,4 geht auch. Ich mag den Pigmentliner von Boesner, den Copic Multiliner und den Pigma Micron, alle in Schwarz.
Tuschemarker: Faber-Castell Pitt Artist Pen Brush in Braun-Beige. Meine Lieblinge: 114 Pale Pink, 132 Beige Red (IMMER für Mini-Me-Haare und Bäckchen), 175 Dark Sepia, 186 Terracotta, 188 Sanguine, 189 Cinnamon und 192 India Red.
Ein kleines Lineal für die Schrift.
Das Buch: aktuell mein Art-Creation-Buch aus dem TK Maxx mit dickem Papier.
Zum Üben außerhalb des Tagebuchs: Blöcke von Boesner in 15 × 15 cm. Die sparen Platz.

Kleine Formate empfehle ich dir auch in meinen Workshops. Neue Termine und Angebote zeige ich immer zuerst in meinem Newsletter. Die Angst vorm großen weißen Papier ist echt. Wie ich mit diesem Material ATC-Karten gestalte, liest du in Was sind ATC-Karten?
Wo finde ich Inspiration für mein visuelles Tagebuch?
Überall. In der Natur, in deinem Alltag, in deiner Tasche, auf deinem Teller.
Ich habe immer einen kleinen Block und einen Stift dabei. Ab und zu zücke ich das Telefon für ein Foto oder mache einen Screenshot. Auf Pinterest sammle ich Ideen, und wenn ich nicht weiß, wie ein Gegenstand vereinfacht aussehen könnte, suche ich bei Google nach einem Icon dazu.
Und dann sind da die Künstlerinnen, die mich inspirieren. Ich liebe es, wenn Illustratorinnen sich mit Alltagsthemen beschäftigen: mit der menstruierenden Frau, mit dem Alleinsein, mit der freiwilligen Entscheidung, keine Kinder haben zu wollen. Bis hin zu den großen Weltthemen wie Patriarchat oder MeToo.
Hach, wie ich das liebe: Mit wenigen Linien, manchmal nur einer Fineliner-Zeichnung ohne Text, entsteht so viel Tiefe. Die Figuren sind ehrlich und absolut nicht perfekt.
Wichtig dabei: Lass dich inspirieren, aber kopier nicht. Dein Tagebuch soll nach dir aussehen.
Ideen für dein visuelles Tagebuch
Du weißt nicht, was du zeichnen sollst? Hier sind meine Lieblingsideen:
Was habe ich heute eingekauft? (Zeichne den Kassenzettel ab oder die Dinge selbst.)
Was ist alles in meiner Tasche?
Was habe ich heute gegessen?
Wofür bin ich heute dankbar?
Dinge, die ich liebe
Dinge, die ich heute gesehen habe
Dinge, die ich vermisse
Meine Gefühle von heute
Ein Stück Natur: ein Blatt, eine Blume, der Himmel
Meine Freundinnen und Freunde
Meine To-want-Liste oder Bucketliste
Was möchte ich im nächsten Monat, Quartal oder Jahr erleben?
Eine Zeitreise in meine Vergangenheit
Meine Zukunft als gezeichnetes Visionboard
Mein Tag als About the Day oder 12 von 12
Sketchnotes zu etwas, das ich mir merken will
Noch 33 Ideen findest du in Wenn Gedanken Bilder werden: 33 Ideen für dein visuelles Tagebuch.
Wie zeichne ich mein erstes Mini-Me?
Mit einem Bleistift und einem Kreis. Ein Mini-Me ist eine kleine gezeichnete Figur von dir selbst: großer Kopf, kleiner Körper, und sie zeigt, wie es dir gerade geht.
Meine Mini-Mes waren nicht sofort da. Sie sind aus meinen Strichmännchen gewachsen, Seite für Seite. Heute füllen sie mein ganzes Tagebuch.
Wie du dein erstes Mini-Me Schritt für Schritt zeichnest, zeige ich dir in Was ist ein Mini-Me?

Ich kann doch gar nicht zeichnen. Geht das trotzdem?
Ja. Du kannst NOCH nicht zeichnen. Und das ist ein Unterschied.
Du sagst ja auch nicht, du kannst nicht sprechen, nur weil du keine Synchronsprecherin bist. Und erinnerst du dich an die Studie von oben? Wie schön die Zeichnung ist, spielt fürs Merken keine Rolle. Fürs Wohlfühlen auch nicht.
Meine Tipps für deinen Start
Üben, üben, üben. Genau so mache ich es auch. Aus Strichmännchen wurden meine Mini-Mes.
Probier Neues aus. Eine andere Perspektive, ein anderer Stift, eine andere Seitenaufteilung.
Inspirieren statt kopieren.
Kein Tisch? Egal. Ein Buch, eine Tasche: Jede Unterlage geht.
Fang klein an. Ein kleines Format nimmt dir die Angst vorm weißen Papier.
Erwarte kein Kunstwerk. Nicht in der ersten Minute und auch nicht später.
Schlechter Tag? Zeichne die Kaffeetasse. Ablenken ist erlaubt.
Trau dich. Lass dich von allem und jedem inspirieren.
Denn dein Leben und dein Tagebuch sind kein Kunstwerk. Sie sind unperfekt perfekt.
Muss ich mein visuelles Tagebuch zeigen?
Nein. Dein Tagebuch gehört dir.
Ich zeichne auch die richtig schweren Tage. Diese Seiten landen nicht in der Öffentlichkeit. Aber es sind sehr wenige. Denn mit meinen Mini-Mes möchte ich aufklären und zeigen, dass alle Gefühle und Monsterchen willkommen sind.
Sie möchten gesehen werden.
Zumindest von mir.
Wie digitalisiere ich mein visuelles Tagebuch?
Am einfachsten mit dem Handy: abfotografieren, zuschneiden, fertig.
Ich fotografiere meine Seiten mit meinem alten iPhone. Ich denke, jedes Handy ist besser als meins, solange es eine Kamera hat. :-) Meistens liegt das Tagebuch dabei auf meinem weißen Wohnzimmertisch mit seinem ganz eigenen Shabby-Chic-Charme oder auf dem großen Holztisch in meinem Atelier mit der schönen Maserung. Oft sieht man die Buchkanten und die Tischplatte. So bleibt sichtbar: Das ist ein Auszug aus meinem Tagebuch.
So geht es bei mir weiter:
Zuschneiden: Ich liebe das quadratische Format.
Filter: Ich romantisiere meine Bilder mit einem leichten Braunfilter direkt im Handy. Früher habe ich dafür VSCO genutzt.
Retusche: Mit Snapseed entferne ich Flecken und Minifusseln.
Canva: Dort bringe ich das Bild ins passende Format. Für den Blog quadratisch, für einen Instagram-Beitrag 4:5. Storys lasse ich meistens so.
Dateigröße: Früher habe ich Bilder für den Blog noch mit TinyPNG verkleinert.
Wenn ich eine Zeichnung ganz digital haben möchte, arbeite ich mit dem iPad Pro in Procreate. Ich fotografiere die Zeichnung mit dem iPad und zeichne sie dann nach. Zwei Tipps aus Erfahrung: Beschrifte deine Ebenen. :-) Und überlege vorher genau, wofür du das Bild später brauchst, damit du gleich zu Beginn die richtige Bildgröße wählst.
Und warum zeige ich das alles überhaupt? Weil ich mit meinen Zeichnungen über mentale Gesundheit aufklären möchte. Auf meinem Blog, in meinem Newsletter und auf Instagram.
FAQ: Häufige Fragen zum visuellen Tagebuch
Was ist ein visuelles Tagebuch?
Ein Tagebuch, in dem du dein Leben mit Zeichnungen und kurzen Texten festhältst: Erlebnisse, Gefühle, Gedanken und Gelerntes.
Muss ich zeichnen können?
Nein. Strichmännchen reichen. In einer Studie spielte die Qualität der Zeichnung fürs Merken keine Rolle, und beim Stressabbau machte Vorerfahrung keinen Unterschied.
Was brauche ich für den Anfang?
Papier, einen Bleistift, einen Radiergummi, einen schwarzen Fineliner und 1 bis 3 Farben. Selbst ein Kugelschreiber geht.
Welches Notizbuch eignet sich?
Eins mit Blanko-Seiten und etwas dickerem Papier, damit Fineliner und Marker nicht durchdrücken. Zum Üben reicht jedes Blatt.
Wie oft sollte ich zeichnen?
So oft, wie es dir guttut. Ich habe gerade keinen festen Zeitpunkt und zeichne, wenn mich etwas bewegt.
Wie lange dauert eine Seite?
Ganz unterschiedlich. An meiner kreativen Bingokarte saß ich ewig. Das Nachdenken dauert länger als das Zeichnen.
Was ist der Unterschied zu Sketchnotes?
Sketchnotes halten Wissen fest, ein visuelles Tagebuch hält dein Leben und deine Gefühle fest.
Muss ich mein Tagebuch zeigen?
Nein. Du entscheidest, welche Seite privat bleibt.
Ersetzt ein visuelles Tagebuch eine Therapie?
Nein. Es ist ein Werkzeug für deine Selbstfürsorge, keine Behandlung.
Fazit: Kein Kunstwerk, sondern ein Spiegel deiner Seele
Ein visuelles Tagebuch ist ein Tagebuch, in dem du dein Leben mit Zeichnungen und Worten festhältst. Du brauchst dafür kein Talent, nur Papier, einen Stift und ein bisschen Mut.
Für mich ist es mein Innenleben. Es hat meinem Monsterchen einen Platz auf dem Beifahrersitz gegeben, mir durch meine Überprüfung geholfen und mir gezeigt, dass jedes Gefühl gesehen werden darf.
Und jetzt du.
Dein erstes visuelles Tagebuch: mein Adventskalender
Vom 1. bis 24. Dezember begleite ich dich in meinem digitalen Adventskalender „Mein erstes visuelles Tagebuch“. Jeden Tag ein Türchen, jeden Tag ein kleiner Schritt zu deinem eigenen visuellen Tagebuch. Für 0 €, du brauchst nur deine E-Mail-Adresse.
Und wenn du magst, schreibe ich dir jeden Donnerstag in meinem Newsletter über Kreativität, mentale Gesundheit und das echte Leben dazwischen.
Alles Liebe – Karina 🤍
*unbezahlte Werbung
Quellen
Kaimal, G., Ray, K. & Muniz, J. (2016). Reduction of cortisol levels and participants' responses following art making. Art Therapy, 33(2), 74–80.
Drake, J. E. (2016). Psychology of Aesthetics, Creativity, and the Arts, 10(3), 325. Zusammengefasst in Psychology Today.
Lieberman, M. D. u. a. (2007). Putting feelings into words. Psychological Science, 18(5), 421–428.
Wammes, J. D., Meade, M. E. & Fernandes, M. A. (2016). The drawing effect. Quarterly Journal of Experimental Psychology. Zusammengefasst von der University of Waterloo.
Andrade, J. (2010). What does doodling do? Applied Cognitive Psychology, 24(1), 100–106.
White, M. & Epston, D. (1990). Narrative Means to Therapeutic Ends. Deutsch: Die Zähmung der Monster.







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