Das wünsche ich mir wirklich aus meiner Kindheit zurück
- Karina Röpcke

- vor 43 Minuten
- 5 Min. Lesezeit

Ich habe diesen Artikel so lange vor mir hergeschoben.
Meine Blogparade "Kindheitserinnerungen, die ich dieses Jahr unbedingt wiederholen möchte" lief ursprünglich bis zum 2. August 2026. Im Newsletter verlängerte ich sie bis zum 15. August. Und jetzt, wo ich eigentlich den Wrap-up schreiben sollte, sitze ich hier und schreibe endlich meinen eigenen Beitrag.
Warum so spät?
Ich dachte, es wäre einfach. Eine Liste schreiben, Dinge abhaken, fertig. Tretbootfahren, Schaukeln, Vanillepudding naschen. Eine kreative Bucketliste, wie ich sie so sehr liebe. Aber je länger ich darüber nachdachte, desto mehr merkte ich: Es ist nicht so einfach wie gehofft. Und vielleicht ist das genau der Grund, warum ich ihn so lange geschoben habe.
Was ist eine Blogparade? |
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Eine Blogparade ist ein offener Aufruf an andere Blogger und Schreibende, sich einem gemeinsamen Thema zu widmen und ihre eigenen Artikel dazu zu veröffentlichen. Alle Beiträge werden am Ende verlinkt und gesammelt. Hier findest du meinen Aufruf und alle eingegangenen Beiträge. |
Das liest du in diesem Artikel
Viele meiner Kindheitsbilder sind schwarz-weiß
Viele meiner Kindheitsbilder sind schwarz-weiß.
Buchstäblich.
Unser erster Fernseher zog ein, als ich bereits 7 Jahre alt war (ein Schwarz-Weiß-Gerät). Die Fotos aus dieser Zeit: schwarz-weiß. Und das "graue" Grünau, in das ich mit fünf Jahren mit meiner Mutter zog, war genau das: grau. Das Grün fehlte absolut noch. Neubauviertel, Plattenbauten, Baustellen überall. Riesige Baustellen, die für uns Grünauer Kinder ein Abenteuerspielplatz waren. Kein "Du darfst da nicht hin", keine Absperrungen. Einfach Freiheit. Ich trug fast täglich Gummistiefel. Und ich erinnere mich noch sehr genau, wie ich beim Über-die-Platten-Springen im Schlamm versackte, meine Schuhe wieder rausziehen musste und mit schlammigen Barfüßen, Schuhen in der Hand, im Türrahmen vor meiner kopfschüttelnden Mutter stand.
Der nahegelegene Kulkwitzer See und der riesige Berg direkt vor der Haustür (ich glaube, es war eine Mischung aus aufgeschütteter Erde und Müll), der im Winter zum Rodelberg wurde. Einfach herrlich.
Nachtrag: Gerade komme ich von der Ausstellung "Als Grünau noch Schlammhausen hieß" aus dem Leipziger KOMM-Haus. Ich bin berührt. Mein Freund Janko, der ebenfalls ein Grünau-Kind ist, hat sie sich mit mir angeschaut. Er zog 1982 in das Viertel, ich 1983. Da waren sie, die Fotografien von Harald Kirschner. Natürlich auch die in Schwarz-Weiß. Kinder, sitzend auf riesigen Kabelrollen. Stehend auf Haufen aus Mauersteinen. Liegend in einer riesigen Pfütze auf der Ringstraße nach einem Sommergewitterguss im Jahr 1982. Jugendliche, die die Neueröffnung von Jugendclubs feiern. Outdoor-Disco direkt neben der Schule. Trabant neben Trabant auf großen Flächen, die weder Straße noch Parkplatz andeuteten.
Nach der Ausstellung fuhr ich mit dem Rad weiter zu meinem alten Haus. Selliner Straße 34. Wahnsinn, wie viele Jahre vergangen sind. Viele Häuser, gerade die 16er, gibt es nicht mehr. Stattdessen neue Neubauten. Die Bäume sind fast so alt wie ich. Und sie sind jetzt tatsächlich grün.
Eine weitere Ausstellung steht noch auf meiner Liste: im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig. Noch eine über meine Platte.
Und dann kamen die Farben
Fast jedes Wochenende fuhr ich mit meiner Mutter zu meinen Großeltern nach Burgsdorf, einem kleinen Örtchen mit kaum 200 Seelen. Und dort war nicht nur Oma. Dort waren Opa, fast alle meiner Cousinen und Cousins, und der große Dreiseitenbauernhof, der sich für mich wie eine eigene Welt anfühlte.
Ich rieche ihn noch heute.
Die Luft roch nach Tier und Erde. Und immer nach dem, was Oma gerade kochte: Arme Ritter, Hochzeitssuppe, oder ihre Gräupchensuppe, die eigentlich keiner mochte, die sie aber extra für mich kochte, weil sie wusste, dass ich sie liebte.
Zwischen unseren Beinen schnurrte fast immer eine Katze. Die Hunde (Jack-Russell-Terrier, die irgendwie alle Nelly hießen) schliefen draußen im Stall. Keine Wohnungshunde. Am liebsten hätte ich sie alle ins Haus gelassen.
Und dann war da Benjamin. Das Pferd meines Opas. Ein echtes Arbeitspferd, vor dem ich riesigen Respekt hatte. Er wurde nicht immer liebevoll behandelt. Mein Opa war ein hartarbeitender Mann, der im Krieg ein Bein verlor. Tiere waren hier Nutztiere und wurden auch so behandelt. Und trotzdem: Wenn er mich auf den Pferdewagen nahm und wir über die grauen Felder fuhren, Benjamin vorne dran, das gleichmäßige Klackern der Hufe auf dem Weg, war die Welt für einen Moment sehr groß. Ich fühlte mich so wichtig. Ich liebte den Kontrast. Die Stadt mit ihren Baustellen und Platten. Und dieser Hof, der sich für mich wie die ganze Welt anfühlte.
Die "Asche" und das Gefühl von allem
Die "Asche" (eine riesige Fläche mit Aschresten, Sperrmüll und Alltagsdingen, die die Dorfbewohner nicht mehr brauchten) war unser Spielzeuggeschäft, unser Baustoffhandel, unsere Fundgrube. Alte Töpfe, angeschlagenes Geschirr, Holzreste. Wir bauten Buden: zwischen der eingefallenen Scheune und dem Hühnerhof, unter Obstbäumen im riesigen Garten. Immer mittendrin die Tiere. Das Lachen der Cousinen und Cousins, das ernsthafte Verhandeln, wer für was zuständig ist. Heute unvorstellbar. Damals: Freiheit pur.
Und abends, wenn alle satt und müde waren, saß ich irgendwo mit einem Stift und zeichnete.
Seit meine Großeltern nicht mehr leben, war ich nur noch wenige Male in Burgsdorf. Das kleine Örtchen meiner Familie.
Gezeichnet habe ich, seitdem ich einen Stift halten konnte
Mit fünf Jahren war ich das erste Mal im Zeichenzirkel und blieb dort bis fast zur Lehre. Was ich damals noch nicht wusste: dass dieser Stift, diese Bilder, der Wunsch, die Welt durch Linien zu begreifen, mein Leben prägen würde. Im Studium zur Modedesignerin (ein riesiger Mädchentraum, für den ich mit viel Ehrgeiz auf die Eignungsprüfung hinarbeitete). Später in Italien, dann Backstage für ein kreuzfahrtschiffunternehmen. Und heute als Künstlerin, die anderen Menschen zeigt, dass Kreativität kein Talent ist, sondern etwas, das in jedem steckt.
Damals als Kind, bäuchlings auf dem Fußboden, zeichnend. Ich war einfach nur da. Ich hatte keinen Plan und kein Ziel. Nur mein Fantasie, bunte Stifte, etwas Papier und Zeit, die sich endlos anfühlte.
Warum fühlten sich 8 Wochen Sommerferien damals so unendlich an?
Ich glaube, weil wir als Kinder so viel Neues erlebten. Jede Stunde war anders als die davor. Als Erwachsene füllen wir unsere Tage mit To-Dos, vollen Kalendern, Effizienz. Die Zeit rast, weil wir uns kaum noch wirklich einlassen auf das, was keine Agenda hat. Und das schreibe ich als Selbständige, die eigenständig über ihren Kalender walten kann.
Da liegt das Problem mit meiner geplanten Liste
Ich wollte eine kreative Abhakliste schreiben. Tretbootfahren. Schaukeln. Vanillepudding kochen. Eis aus der Muschelwaffel naschen. Eine Kuh kraueln. Bäuchlings auf dem Boden zeichnen. Aber mit einer neuen To-Do-Liste kommt das Gefühl von damals nicht zurück.
Weil es nie um die Aktivitäten ging.
Es ging um das Gefühl dahinter. Um das sanfte, warme Wissen: Mir steht die ganze Welt offen. Ich gehe angstfrei durchs Leben. Ich muss nichts beweisen, nirgendwo ankommen, nichts erfüllen. Freiheit. Unbekümmertheit.
Das ist es, was ich mir wirklich zurückwünsche.
Was steckt wirklich hinter dieser Blogparade?
Ich glaube, ich habe diesen Aufruf nicht nur für meine Leserinnen und Leser geschrieben. Sondern besonders für mich. Als Erinnerung, dass Leichtigkeit keine Kindheitssache ist. Dass das Zeichnen ohne Ziel, das Bude-Bauen aus Fundstücken, das voller Stolz und dem Gefühl von Wichtigsein auf einem Pferdewagen zu sitzen, nichts davon etwas war, das ich hinter mir lassen musste.
Vielleicht ist das die eigentliche Aufgabe: nicht Kindheitserinnerungen Punkt für Punkt abarbeiten. Sondern das Gefühl dahinter in die Gegenwart holen.
Jeden Tag ein ganz kleines bisschen mehr.
Und du? Welches Gefühl aus deiner Kindheit vermisst du am meisten, und was bräuchtest du, um es dir zurückzuholen?
Schreib es mir in die Kommentare. Ich lese wirklich alles.
Wenn dieser Text etwas in dir berührt hat: Jeden Donnerstag schreibe ich im Newsletter über Kreativität, mentale Gesundheit und das Leben, das sich gut anfühlt. Kurz, ehrlich, warm und ohne Bullshit. Ich freue mich, wenn du dabei bist. Und wenn du mit einem Stift in der Hand wieder zu dieser Leichtigkeit finden möchtest: In meinen Workshops passiert genau das.
Alles Liebe - Karina 🤍





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