Karinas Mini Me’s klären auf: Was ist Skin Picking?
- vor 3 Stunden
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Dermatillomanie einfach erklärt – Ursachen, Gefühle und Wege aus dem Kreislauf
„Finger weg. Keine Selbstverletzung auf der Yogamatte“, höre ich die leise, aber bestimmte Stimme in meinem Kopf sagen.
Mist. In genau diesem Moment spüre ich sie auch schon. Meine Finger an meinem Kopf. Wie sie sich langsam durch die Haare graben und diese eine Stelle suchen, die ich so gut kenne.Shit, denke ich. Ich wollte es schon wieder tun.
Ich nehme die Finger vom Kopf und merke, wie sich dieses alte, bekannte und so ungeliebte Schuldgefühl langsam ausbreitet. Warum wollte ich es schon wieder machen. Dieses blöde Skin Picking!
🤍 Liebevolle Triggerwarnung – Hinweis für sensible Seelen:
In diesem Artikel geht es um das Thema Skin Picking, also das wiederholte Bearbeiten der eigenen Haut. Ich beschreibe keine drastischen Szenen. Dennoch kann das Thema für manche Menschen emotional berühren. Wenn du merkst, dass es dich gerade überfordert, lies in deinem Tempo oder komm später wieder darauf zurück. Du darfst gut auf dich achten.
Was ist Skin Picking? |
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Fachbegriff: Dermatillomanie oder Excoriation Disorder Definition: Wiederholtes, zwanghaftes Bearbeiten der eigenen Haut Auslöser: Häufig Stress, innere Anspannung, Perfektionismus, emotionale Belastung Was hilft: Bewusstwerden, Trigger erkennen, alternative Strategien, therapeutische Unterstützung Heilungschancen: Gut behandelbar mit Verhaltenstherapie und begleitenden Maßnahmen |
Inhaltsverzeichnis
Was ist Skin Picking?
Skin Picking, fachlich Dermatillomanie genannt, bezeichnet das wiederholte und schwer kontrollierbare Kratzen, Drücken, Zupfen oder Aufkratzen der eigenen Haut.
Seit dem DSM 5 wird die sogenannte Excoriation Disorder als eigenständige psychische Störung im Bereich der Zwangsspektrum-Störungen geführt. Auch in der ICD 11 wird sie unter den körperbezogenen repetitiven Verhaltensstörungen eingeordnet. In der ICD 10** fand man sie noch unter Impulskontrollstörungen.
Studien gehen davon aus, dass etwa ein bis zwei Prozent der Bevölkerung betroffen sind. Die Dunkelziffer dürfte deutlich höher sein, da viele Betroffene aus Scham keine Hilfe suchen.
(Quelle: American Psychiatric Association DSM 5 sowie WHO ICD 11.)
Skin Picking ist mehr als nur Pickel ausdrücken
Ich habe den Begriff tatsächlich erst in meinen Dreißigern entdeckt, und zwar auf Facebook. Es war ein Aufruf zu einer Studie für Menschen, die zwanghaft ihre Haut bearbeiten.
"Was? Es gibt ein Wort dafür? Und schlimmer noch: Es ist eine psychische Störung?" Ich war entsetzt.
Ich habe schon immer gekratzt. Ich glaube als Kind wollte ich die "perfekte Haut" und hab angefangen zu kratzen, damit sich die Oberfläche wieder schön glatt anfühlt (es ging nicht um die Optik, aber um das Gefühl darüber zu streichen).
Mein Opa, damals Polizist, sagte halb im Spaß, halb im Ernst, ich würde später einmal anhand meiner Narben identifiziert werden können. Und in meinem Ausweis würden alle Narben einzeln aufgelistet sein. Ein schrecklicher Gedanke, der mich leider nicht davon abhielt.
Auch in meiner Zeit als Costumista (ich arbeitete für eine italienische Firma in der Kostümabteilung), mit leider viel zu kurzen Hosen als Arbeitskleidung, kratzte ich Mückenstiche auf. Die dunklen Narben auf gebräunter Haut fielen auf. Es war mir unangenehm, als mein Chef mich darauf ansprach. Also "verlagerte" ich meine wunden Stellen. An den Kopf. Unter Kleidung. Dorthin, wo es niemand sah.
Erst während meiner Vorbereitung auf die Heilpraktikerprüfung im Bereich Psychotherapie verstand ich, was da eigentlich passierte. Definition. Ursachen. Therapieansätze. Und vor allem: Ich bin nicht allein.
Wie äußert sich Skin Picking?
Skin Picking bedeutet nicht nur, gelegentlich einen Pickel auszudrücken.
Es geht um Kontrollverlust.
Um dieses innere Ziehen.
Um den Druck, es JETZT tun zu müssen.
Betroffene bearbeiten häufig Gesicht, Kopfhaut, Lippen, Schultern, Rücken oder kauen und Zupfen an ihren Finger. Manchmal stundenlang. Oft unbewusst. Beim Lesen, beim Fernsehen, beim Nachdenken.
Typisch ist eine Gefühlskette:
innere Anspannung, Stress, Wut, Traurigkeit oder sogar Langeweile
steigender Drang
kurzfristige Erleichterung beim Kratzen
danach Schuld, Scham oder Ekel
Hinzu kommen körperliche Folgen wie Entzündungen, Narben, offene Wunden. Und die ständige Angst, dass jemand es bemerkt.
Viele beginnen, Situationen zu vermeiden. Freibad. Friseur. Dates.
Für mich waren Friseurbesuche lange verbunden mit dem Gedanken: Hoffentlich ist die Haut bis dahin verheilt.
Mögliche Ursachen
Skin Picking ist multifaktoriell. Es gibt nicht DIE EINE Ursache.
Häufig spielen eine Rolle:
Stress und Überforderung
Perfektionismus
emotionale Regulationsschwierigkeiten
Angststörungen oder depressive Episoden
traumatische Erfahrungen
Neurowissenschaftlich wird diskutiert, dass das Verhalten kurzfristig das Belohnungssystem aktiviert. Die Erleichterung wirkt wie eine kleine Entlastungsschleife im Gehirn. Das verstärkt das Verhalten langfristig.
(Quelle unter anderem: Grant et al., 2012, Journal of Clinical Psychiatry.)
Was kann ich tun?
Der erste Schritt ist Bewusstwerden.
Viele kratzen so wie ich ganz automatisch und das ist auch das Schwierige daran. Deshalb hilft es, das Verhalten zu beobachten.
Tagebuch führen
Tracke für ein paar Wochen:
Wie fühle ich mich vorher?
Wie oft passiert es`?
In welchen Situationen?
Wie stark sind die Verletzungen?
Wie geht es mir danach?
Allein dieses Beobachten kann schon Veränderung anstoßen.
Trigger erkennen und reduzieren
Stress ist bei mir ein riesiger Auslöser. Wie an diesem Morgen auf der Yogamatte. Die To do Liste sitzt mir im Nacken.
Meine Regel Nummer eins: Keine Selbstverletzung auf der Yogamatte.
Das bedeutet für mich nicht nur, keine Position zu erzwingen. Sondern auch nicht zu kratzen.
Hände beschäftigen
Solange meine Hände etwas tun, können sie nicht kratzen.
Ich setze mich an den Tisch und zeichne meine Mini Me’s. Sie halten mich nicht nur vom Bearbeiten meiner Haut ab. Sie bringen mich vor allem zur Ruhe und schalten meinen Kopf aus.
Andere hilfreiche Strategien können sein:
Pflaster auf gefährdete Stellen
regelmäßige Hautpflege, um Unebenheiten zu reduzieren
Fidget Tools oder Stressbälle
Atemübungen
kognitive Verhaltenstherapie
Die Verhaltenstherapie gilt aktuell als wirksamster Ansatz. Besonders Habit Reversal Training, eine Gewohnheitsumkehrtherapie, wird häufig eingesetzt.
Heilungschancen
Skin Picking ist behandelbar.
Mit therapeutischer Begleitung, Geduld und einem liebevollen Blick auf sich selbst sind deutliche Verbesserungen möglich. Für mich gehören Rückfälle dazu. Aber ich habe gelernt, sie nicht als Versagen zu sehen, sondern als Teil meines Prozesses.
Was mir besonders wichtig ist:
Wenn du leidest, such dir Unterstützung. Sprich mit deinem Arzt oder Therapeuten. Suche Austausch in Selbsthilfegruppen oder Foren.
Ich weiß, wie viel Scham da mitschwingt. Aber du bist nicht allein.
Fazit
Ich habe für mich erkannt: Ich kratze vor allem bei Stress. Geht's mir gut und bin ich entspannt, kratze ich nicht und meiner Haut geht's auch gut.
Und ich habe gelernt, mir selbst früher zuzuhören.
Meine Mini Me’s sind für mich mehr als Zeichnungen. Sie sind kleine Botschafterinnen. Sie klären auf. Sie nehmen Scham den Raum. Sie erinnern mich daran, dass Selbstfürsorge manchmal damit beginnt, die eigenen Hände sanft zurückzunehmen.
Vielleicht ist dieser Artikel ein erster kleiner Schritt für dich.
Oder für jemanden, den du kennst.
Alles Liebe – Karina 🤍




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